Beim Gesundheitsamt oder Was ist krank?

Das Gesundheitsamt, in dem sich der Beirat von und für Menschen mit Behinderungen heute traf, befindet sich im Verwaltungsgebäude hinter dem Rathaus Wilmersdorf. Bisher hatte ich das Glück, dort noch nicht gewesen zu sein und kannte nur die Kommunale Galerie im Erdgeschoss. Wer gerade schlechter Stimmung ist, Probleme hat oder sich sonstwie nicht wohl fühlt, wird spätestens auf der Suche nach dem richtigen Raum zu einem Fall für eine der Beratungsstellen, womöglich gleich für den Sozialpsychiatrischen Dienst. Diese schmalen, gebogenen, langen Gänge erinnerten mich doch sehr an das launige Büchlein „Trauerflora“ von Paul Flora, in dem drei Totengräber auf allerlei findige Weisen Kundschaft „gewinnen“.

Im endlich gefundenen Sitzungssaal beendete gerade eine Dame von der „Beratungsstelle für behinderte, pflegebedürftige, krebskranke und aidskranke Menschen“ die Vorstellung ihrer Tätigkeiten und danach präsentierte sich der Sozialpsychiatrische Dienst. Letzterer kann auf eine gruselige Geschichte zurückblicken, war doch sein Vorläufer u. a. ab 1934 recht willig am Euthanasieprogramm der Nazis beteiligt. Ich möchte den zurzeit dort tätigen Sozialarbeiter_innen und Ärzt_innen gewiss nicht ihre guten Absichten und ihren hingebungsvollen Einsatz absprechen. Angesichts der Tatsache, dass dieser Dienst auch jedem anonymen Hinweis nachgeht und einen „Dokumentationswahn“ (so nannte es die Dame vom Amt) pflegt, bin ich ihm gegenüber weiterhin eher skeptisch. Sollten sich jemals, wogegen wir uns natürlich jederzeit einsetzen werden, die politischen Verhältnisse wieder entsprechend ändern, böte das Archiv des Dienstes eine riesige Fundgrube für möglicherweise zu Verfolgende. Da auch Jobcenter und Sozialamt gelegentlich Menschen zum Sozialpsychiatrischen Dienst schicken, möchte ich gar nicht überlegen, wie leicht jemand in die „Kundenkartei“ geraten kann.

Auf dem Informationsblättchen des Sozialpsychiatrischen Dienstes steht auch, dass er für „Menschen in schweren Krisen“ da wäre. Wie sieht da die Definition aus? Landet eine Person, die gerade einen geliebten Menschen verloren hat und Rat sucht, für Jahre in der Kartei? Erst vor ein paar Wochen habe ich von den Veränderungen in der neuen DSM-5 (dem offiziellen US-amerikanischen Psychiatriehandbuch) gelesen, worin beispielsweise tiefe Trauer bereits nach zwei Wochen als Depression, und damit Krankheit, bewertet wird. Dieses Buch beeinflusst früher oder später auch das Krankheitenklassifizierungssystem der WHO (Weltgesundheitsorganisation): ICD-10, nach welchem sich laut Gesetz der Sozialpsychatrische Dienst orientiert. Auch darin steht unter den psychischen und Verhaltensstörungen so manches Fragwürdige und kleine, unterhaltsame Verschrobenheiten finden sich gleich neben schweren, auch für Dritte unter Umständen gefährlichen Störungen. Bis vor gut 20 Jahren stand auch so etwas Gewöhnliches und Harmloses wie Homosexualität in dieser Liste und inzwischen haben die skandinawischen Länder, zuletzt Finnland 2011, einzelne der F 60er Punkte aus ihren nationalen Listen wegen Irrelevanz gestrichen. Auf der anderen Seite erleben wir, wie immer mehr Dinge, die noch vor ein paar Jahren als nervig, lästig oder ungezogen galten nun Krankheiten heißen und mit schweren Medikamenten behandelt werden, zum Beispiel Hyperaktivität.

Damit möchte ich zu bedenken geben, dass es durchaus kulturell und zeitabhängig ist, wo die Trennungslinie zwischen Krankheit und Gesundheit, wenn es sie überhaupt gibt, verläuft und eine exakte Diagnose, insbesondere im geistigen und seelischen Bereich, nicht immer möglich ist. Es ist mir einfach unwohl dabei, zu wissen, dass Menschen hier offiziell eingeteilt werden und dies auch noch unter Umständen jahrelang in Akten festgehalten wird, selbst wenn es gut und hilfreich gemeint sein mag. Angesichts der Tatsache, dass der Sozialpsychiatrische Dienst seit 1990 die Hälfte der Stellen gestrichen bekommen hat und momentan nur 8 von 10 Stellen besetzt sind, geben die dort Tätigen gewiss ihr Bestes, haben aber infolge ihrer eigenen Belastung möglicherweise gar nicht immer die nötige Zeit, jeden Fall hinreichend ausführlich zu beurteilen – mit möglichen erheblichen Folgen für die einzelnen Betroffenen.

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Veröffentlicht am 8. April 2013 in andere Sitzungen und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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