Falsch verstanden

So kann es gehen, wenn man noch nicht so erfahren im Umgang mit der Presse ist. Im Zusammenhang mit dem Antrag der CDU auf Benennung eines Teils der Müsterschen Straße nach Rabbiner Menachem Mendel Schneerson schrieb Herr Wegner von der taz folgende E-Mail an unseren Bezirksvorstand:

Hallo,

ich würde gern noch die Position von Marlene Cieschinger in der Debatte um die Benennung eines Platzes nach Rabbi Schneerson in die Zeitung bringen. Mir reicht da auch eine schriftliche kurze Stellungnahme. Wichtig ist mir die Position zu den konservativen Positionen der Chabad Lubawitsch (ob das eine Rolle spielen kann) und die Frage, ob bei der Debatte auch Antisemitismus-Vorwürfe aufkommen, wenn man gegen die Benennung ist. Und alles andere, was wichtig sein mag, interessiert mich natürlich auch.

Viele Grüße aus der taz
Jörn Wegner

Daraufhin antwortete ich:

Lieber Herr Wegner,

vielen Dank für Ihre Anfrage, die mich mit ein bisschen Verzögerung
erreicht hat.

Der Antrag der CDU an die BVV Charlottenburg-Wilmersdorf, den Platz vor dem Bildungszentrum Chabad Lubawitsch nach Rabbiner Schneerson zu benennen (Drucksache 0295/4) ist ein bisschen schwierig. Auch in unserem Bezirk trägt die weitaus überwiegende Anzahl von Straßen und Plätzen, so fern sie nach Menschen benannt sind, die Namen von Männern. Das ist ein Erbe vergangener Jahrhunderte. Um hier ein wenig mehr Gerechtigkeit herzustellen und die öffentliche Wahrnehmbarkeit von bedeutenden Frauen, deren Zahl nicht gering ist, zu erhöhen, hat die BVV in der Vergangenheit den Beschluss gefasst, hier bis auf weiteres Frauennamen zu vergeben und nur in ganz besonderen Fällen von dieser Regelung abzuweichen.

Rabbiner Schneerson hat für die Chabad Lubawitsch Gemeinde zweifellos eine hervorragende Bedeutung. Andere jüdische Gemeinden unterschiedlicher Ausrichtung bewerten ihn bzw. seine Positionen differenziert. Das ist kein außergewöhnliches Phänomen, wenn es um historische Persönlichkeiten geht und findet sich in vielen Religionen, aber auch Parteien, Vereinen, sogar Familien wieder. Durch diese gewisse Umstrittenheit sehe ich allerdings auch nicht den Sonderfall gegeben, der ein Abweichen vom erwähnten Beschluss, Plätze und Straßen nach Frauen zu benennen, rechtfertigen würde. Eine spezielle Beziehung von Rabbiner Schneerson zu genau diesem Platz, um den es hier geht, sehe ich auch nicht. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass Rabbiner Schneerson Jude war; das selbe würde ganz genauso für Buddhisten, Chemiker, Schriftsteller und andere gelten. Wer hier Antisemitismus vermuten wollte, irrt.

Als ich mich im Laufe der Zeit mit mehreren jüdischen Bekannten, sehr sowie kaum religiösen, über die Frage eines Rabbiner-Schneerson-Platzes in Charlottenburg-Wilmersdorf unterhielt, bekam ich übrigens fast immer und völlig unabhängig voneinander als erste Antwort, dass doch in Berlin unbedingt ein Ort nach Regina Jonas, der zu Unrecht lange Zeit in Vergessenheit geratenen ersten Rabbinerin Deutschlands, benannt werden sollte. So eine Ehrung für diese, über das Judentum hinaus, bedeutende Frau, die in Auschwitz ermordet wurde, wäre überfällig.

Auch wenn ich damals noch nicht dabei war, als der Beschluss für Geschlechtergerechtigkeit auf unseren Straßenschildern gefasst wurde, so unterstütze ich ihn aus vollster Überzeugung und kann einer Benennung des Platzes nach Rabbiner Schneerson nicht zustimmen, auch wenn es die Chabad Lubawitsch Gemeinde bedauern wird.

Schöne Grüße

Marlene Cieschinger

– Bezirksverordnete der Partei DIE LINKE. Charlottenburg-Wilmersdorf –

Herausgekommen ist dabei dann dieser taz-Artikel, an dem jetzt nichts auszusetzen ist. Allerdings habe ich bestimmt nicht gemeint, dass genau dieses kleine Areal nach Regina Jonas benannt werden sollte. Ich dachte schon eher an eine größere und bedeutendere Stelle. Eigentlich wollte ich nur erwähnen, dass es noch hervorragende und bislang ungeehrte jüdische Frauen gibt. Straßen nach ihnen zu benennen würde auch sehr gut zum BVV-Beschluss von 2001 passen.

Beim nächsten Mal muss ich da wohl besser aufpassen und genauer formulieren. Etwas Gutes hatte die Erwähnung von Regina Jonas in der Zeitung aber auf jeden Fall: jetzt kennen ein paar mehr Leute ihren Namen und die Gleichstellungsbeauftragte von Charlottenburg-Wilmersdorf hat sich gleich ein Buch über sie besorgt, das sie mir heute nach dem Ausschuss zeigte, und darin mit viel Ínteresse gelesen. Vielleicht gibt die öffentliche Nennung des Namens ja einen ersten Anstoss zu einer angemessenen Ehrung dieser wunderbaren Frau, für die ich leider noch keinen besonderen Bezug zu unserem Bezirk gefunden habe. Anderenfalls läge im BVV-Büro bereits ein Antrag von mir vor.

Advertisements

Veröffentlicht am 23. Januar 2013 in Erklärungen, Vermischtes und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: