Noch ein „Männer-Platz“?

Sonst eher – zu Unrecht – wenig beachtet, tagte heute der Ausschuss für Gender-Mainstreaming in außergewöhnlich großer Runde im eiskalten BVV-Saal im Rathaus Charlottenburg. Um die Ausschussmitglieder zusätzlich zu informieren, hatte Carolina Böhm, die Vorsitzende, Gäste eingeladen und es waren auch an die 20 am Thema Interessierte gekommen. Den heute in der „taz“ erschienenen Artikel zur beantragten Benennung eines Rabbiner-Schneerson-Platzes hatte ich bereits im vorherigen Eintrag erwähnt.

Das Interesse von Chabad Lubawitsch, den Platz vor ihrem Bildungszentrum nach ihrem wichtigsten Vertreter zu benennen, ist verständlich. Auf diese Weise hätten sie eine für sie schönere Adresse und eine Ehrung des Rabbiners bedeutet ihnen sehr viel. Deshalb hatten sie sich an die CDU gewandt. Bei dem Antrag, dem anscheinend im Kulturausschuss bereits zugestimmt worden ist, gab es jedoch ein paar Probleme: einerseits sind die Gruppe und ihre Positionen innerhalb des Judentums nicht unumstritten und manches, was auch Rabbiner Schneerson vertrat, mutet gerade für Frauen heute etwas seltsam an. Außerdem gibt es jenen BVV-Beschluss aus dem Jahr 2001, demnach Straßen und Plätze vorrangig nach Frauen benannt werden müssen, so lange da keine Gleichstellung herrscht, wobei Ausnahmen in besonderen Fällen zulässig sind. Über alledem schien bei Einigen auch noch eine gewisse Furcht zu schweben, als möglicherweise antisemitisch zu gelten. Der Ausgang der Entscheidung war offen.

Zu Beginn hielt Herr Bürgermeister Naumann eine ungewöhnlich lange und ziemlich feierliche Begrüßungsansprache. Spannender war da der viertelstündige Kurzvortrag von Professor Micha Brumlik aus wissenschaftlicher Sicht über die Stellung der Frau bei Chabad Lubawitsch im Vergleich zu anderen orthodoxen jüdischen Gemeinden. Gerne hätte ich ihm noch viel länger zugehört und weitere interessante Dinge gelernt, die er vorzüglich vermitteln kann. Sein Kompromissvorschlag lautete, den Straßenabschnitt doch nach Rabbiner Schneerson und seiner Frau, die eine recht interessante, leider vor allem im Hintergrund wirkende Persönlichkeit gewesen sein muss. Danach trug Frau Professor Irene Runge Biografisches – ich empfand es eher hagiografisch bzw. im Stil von Heiligenlegenden – über Rabbiner Schneerson vor und sprach sich deutlich für einen Platz mit seinem Namen aus.

Heftiger Einspruch kam dagegen von der Frau Dr. Chemikerin Bürgerdeputierten der SPD, die zwar in einigen Punkten recht hatte, aber in Manchem doch oberflächlich informiert argumentierte. Zum Beispiel über die Auswirkungen der Reformation auf christliche Frauen (und die Gesellschaft insgesamt) hätte ich doch zu gerne noch länger als die wenigen Minuten nach dem Ausschuss mit ihr diskutiert.
Der ehemalige Rabbiner der Synagoge Pestalozzistraße Roswatzki dagegen betonte die Bedeutung von Rabbiner Schneerson für das heutige Judentum, das – sinngemäß – ohne ihn in Deutschland kaum existieren würde, was gewiss auch eine sehr einseitige Sicht der Dinge darstellt und von Miriam Noa bestritten wurde. Die Bezirksverordnete aus Friedrichhain-Kreuzberg, die selbst sowohl dem liberalen wie dem orthodoxen Judentum nahesteht, beschrieb auch Differenzen innerhalb der Jüdischen Gemeinde in Berlin im Zusammenhang mit Chabad Lubawitsch und fand den Antrag überhaupt nicht zustimmungswürdig.

An einer Stelle meldete ich mich dann auch und wiederholte mehr oder weniger das, was ich schon dem Herrn Wegner geschrieben hatte, wobei ich gleich auch auf seine Fehlinterpretation hinwies. Ich erzählte auch vom Wunsch einiger Freunde aus der Armenischen Gemeinde nach einer Hrant-Dink-Straße, den ich damals mit dem Hinweis auf die geschlechterungerechte Situation auf unseren Straßenschildern als sehr schwierig erklärte. So lange in Charlottenburg-Wilmersdorf nur 4 % aller Straßen und Plätze nach Frauen benannt sind, 43 % nach Männern und der Rest nach Orten, Pflanzen und Sonstigem halte ich den Beschluss von 2001 für überaus wichtig. Ihn aufzuweichen, wie es Frau Halten-Bartels von der CDU gerne hätte, würde auch die BVV unglaubwürdig machen. Beschlüsse mögen vielleicht im Einzelnen unbequem sein, aber sie nach Wetterlage oder Tageszeit zu ändern, gäbe die Politik der Lächerlichkeit preis. Und wenn Frau Halten-Bartels fröhlich lächelnd meint, sie würde es ohnehin nie erleben, dass das Geschlechterverhältnis im Stadtplan ausgeglichen würde, kann ich nur sagen: „Helfen Sie dabei mit, anstatt solche Anträge einzubringen! Meine Unterstützung hätten Sie.“

Gegen Ende argumentierte noch ein Politik-Professor, dessen dessen Namen ich vergessen habe, ebenso originell wie überzeugend, indem er feststellte, dass gerade Chabad Lubawitsch absolute Treue zu (religiösen) Gesetzen und Vorschriften fordere und also einverstanden sein müsse, wenn die BVV sich hier ebenso verhielte und sich an ihre „Vorschrift“, nämlich den Beschluss von 2001, hält.

Das waren jetzt nicht alle Redebeiträge. Einen, etwas wirren des stellvertretenden Bürgerdeputierten der CDU, der anscheinend nicht so ganz wusste, was denn so ein Gender-Ausschuss macht, hätte ich unter anderen gerne wiedergegeben, aber ihn leider nicht verstanden.

Schade war auf jeden Fall, dass sich mehrere Frauen, die als Gäste gekommen waren, nicht trauten, sich zu melden. Wie sie mir nachher sagten, fühlten sie sich vor allem am Anfang von all den Titeln und Berufen, die einige Redende lautstark vor sich hertrugen, eingeschüchtert. So ging es mir auch ein wenig, aber ich sage mir inzwischen, dass Leute, die so unbedingt mit Titeln und Namen von Berühmtheiten, die sie (mehr oder weniger) kennen, um sich werfen, es anscheinend nötig haben. Auf die Qualität ihrer Argumente hat das erfahrungsgemäß selten einen verbessernden Einfluss.

Die Abstimmung ergab übrigens ein Ergebnis von 4 : 6 : 1 (ja : nein : Enthaltung) und nun geht der Antrag weiter in den federführenden Ausschuss für Tiefbau und Grünflächen, wo ich ihm wieder begegnen werde.

Ansonsten stellte noch die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks, zufälligerweise auch passend zur Sitzung, den zweiten Band der Broschüre Charlotte & Wilma vor, der in ihrem Büro im Rathaus Charlottenburg ab sofort erhältlich ist.

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Veröffentlicht am 23. Januar 2013 in Ausschüsse und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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